Wieso es unseren Kindern gut tut, wenn wir unsere eigenen Bedürfnisse stillen?

(Lesedauer: 5 Min.)

Welche Bedürfnisse stehen bei dir im Vordergrund? Sind es deine oder die deines Kindes? Wieviel Raum gibst du deinem Kind und seinen Bedürfnissen? Und wieviel dir?

Ehrlich gesagt, habe ich mir, bevor ich Mutter wurde, nicht wirklich viele Gedanken über meine Bedürfnisse gemacht. Über Wünsche, Ziele und über Dinge die mir guttun, ja, aber nicht über meine Bedürfnisse. Und das liegt daran, dass ich sie fast immer dann befriedigt habe, wenn sie aufgekommen sind. Ich war müde, ich habe geschlafen. Ich brauchte eine Auszeit, ich habe mir eine Auszeit genommen. Ich sehnte mich nach Inspiration, ich ging in eine Ausstellung. Aber als Mutter ist das jetzt komplett anders. Es dreht sich jetzt nicht nur um meine Bedürfnisse. Die Bedürfnisse meines Sohnes nehmen jetzt viel Platz in meinem Leben ein. Mich aber selber aus den Augen zu verlieren, würde ihn nicht glücklicher machen. 

Wie schon im letzten Artikel geschrieben: Sollten wir den Fokus wieder mehr auf uns legen. Nur weil wir jetzt Mütter sind, heißt es nicht, dass unsere Bedürfnisse nicht mehr wichtig sind. Sie sind super wichtig! Und wir dürfen lernen, uns dafür Freiräume zu schaffen. Wenn wir glücklich und ausgeglichen sind, spüren unsere Kinder dieses und profitieren ebenfalls davon.

Es gibt grob zusammengefasst zwei Arten von Bedürfnissen 

Dass es sich um ein Bedürfnis handelt, merken wir meistens erst, aufgrund eines Mangels an etwas, das uns wichtig oder sogar elementar für unser Leben ist. 

  • Aus physiologischer Sicht wäre es ein körperlicher Mangel (schlafen, trinken, essen usw.)
  • Aus psychologischer Sicht wäre es ein seelischer Mangel (Zuneigung, Liebe, Anerkennung, Erfolg usw.)

Eins der größten Bedürfnisse ist bei vielen Müttern der Schlaf. Einfach mal ausschlafen, einfach mal durchschlafen, einfach mal im Bett liegen bleiben. Aber was ist mit den seelischen Bedürfnissen? Auch diese sind für unsere Lebenszufriedenheit und unser Lebensglück essenziel. 

Maslowsche Bedürfnispyramide 

Eins der bekanntesten Bedürfnis-Modelle stammt von dem Psychologen Abraham Maslow, der die Bedürfnisse nach „Dringlichkeit“ sortierte. 

Maslowsche Bedürfnispyramide

Auch wenn die Pyramide eine gewisse Hierarchie von Bedürfnissen aufzeigt, sind die einzelnen Bedürfnisse gleich zu gewichten. Das Modell stellt eher eine Reihenfolge der „Dringlichkeit“ der Bedürfnisbefriedigung dar. Es gibt keine Bedürfnisse, die wichtiger sind als andere. Es gibt nur welche, die sobald sie erscheinen einen höheren Stellenwert haben, so zum Beispiel die Grundbedürfnisse (unten in der Pyramide).

Leiden wir als Mutter unter einer für uns belastenden Schlafsituation, ist es ratsam, sich erstmal um eine Lösung für dieses Grundbedürfnisse zu kümmern. Ein anhaltender Schlafmangel wirkt sich extrem auf das Gemüt, die Konzentration und das Verhalten aus. Unter diesem Mangel ist es schwierig sich anderen Bedürfnissen voll zu widmen. 

Sollten die Grundbedürfnisse gestillt sein. Zumindest so, dass kein großer Mangel mehr wahrgenommen wird, empfinde ich es als genauso wichtig sich seiner seelischen Ebene zu widmen. Sollte uns beispielsweise Wertschätzung fehlen, sollten wir uns auch darum kümmern. Wenn wir dieses nicht vom Partner bekommen, könnten wir anfangen, sie uns bewusst selber zu geben. Was mir in solchen Momenten auch viel gegeben hat, ist der Austausch mit anderen Müttern. Denn wir verstehen genau, wie es der anderen Mutter geht. 

Um in die oberste Ebene der eigenen Selbstverwirklichung/ Wachstum / Fülle zukommen bzw. zu bleiben, ist es laut Maslow notwendig, dass alle anderen Bedürfnisse gedeckt sind. Wenn eines der Defizitbedürfnisse in den Mangel kommen, beispielsweise Schlaf, Freiheit, Zugehörigkeit, Anerkennung, etc., sind wir gedanklich oder emotional bei diesem Mangelzustand und das Wachstumsbedürfnis rückt erstmal wieder aus dem Fokus. Für mich gehört zur Selbstverwirklichung; sein Leben nach seinen eigenen Bedürfnissen und Werten zu leben, im Einklang mit sich selbst. Weg von Erwartungen anderer, hin zur eigenen bewussten Erfüllung.   

Unsere Bedürfnisse sind unsere Treiber und lenken unser Leben.

Besonders interessant und mit meinen Überzeugungen deckend, finde ich diesbezüglich auch die Sichtweise von Marshall B. Rosenberg, dem Begründer der Gewaltfreien Kommunikation. Er bezeichnet Bedürfnisse als zentrales Motivationssystem und zudem als die Wurzel aller Gefühle. 

Demnach handeln wir ausschließlich aufgrund von Bedürfnissen. Werden diese nicht befriedigt, äußert sich dies in unangenehmen Gefühlen. Wie zum Beispiel Gereiztheit, schlechter Laune oder sogar einem Wutausbruch. Die eigenen Gefühle fungieren hier wie Warnlampen in einem Auto. Ist der Füllstand eines Bedürfnistanks niedrig, gibt die Warnlampe ein Signal, das sich durch ein unangenehmes Gefühl zeigt. 

Bei mir zeigt sich direkt eine Unzufriedenheit, wenn ich länger nicht in Kontakt mit Gleichgesinnten gehe und mich austausche. Daher versuche ich regelmäßig Spielplatztreffen mit anderen Müttern zu vereinbaren. Gleiches merke ich bei meinem Bedürfnis nach Weiterbildung. Ich höre, wenn möglich tagsüber ein Podcast und wenn ich meinen Sohn ins Bett bringe. Jedoch erst, wenn ich ihm seine zwei bis drei Bücher vorgelesen habe. Mein Bedürfnis wird gestillt und ich werde entspannter und zufriedener.  

Unangenehme Gefühle wollen uns auf nicht erfüllte Bedürfnisse hinweisen.

Daher bin ich davon überzeugt, dass es so, so wichtig ist, sich seinen Gefühlen bewusst zu werden und seinen Bedürfnissen Raum zugeben. Tun wir es nicht, hat dies nicht nur Auswirkung auf unser Verhalten, sondern auch auf unsere Kinder. Zum einen sind wir im Umgang mit ihnen gereizter, dünnhäutiger, ungeduldiger. Zum anderen sind wir deren Vorbilder und leben ihnen dieses „reaktive“ Verhalten vor. Wie sollen sie dann ein ausgeprägtes Selbstwertgefühl, Selbstbestimmtheit und Selbstfürsorge erlangen, wenn wir es bei uns selbst nicht pflegen? 

Statt immer alles perfekt machen zu wollen, zu funktionieren, andere oder falsche selbstauferlegte Erwartungen zu erfüllen, sollten wir häufiger den Fokus wieder auf uns lenken. Auf unsere Bedürfnisse. Auf unsere Gefühle. Und uns ganz bewusst fragen, was brauche ich gerade? Was würde mir jetzt guttun?

Probiere es doch heute mal aus und achte darauf, wenn ein unangenehmes Gefühl hochkommt, woher es wirklich rührt.

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